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Bekenntnisse | Reformierte Bekenntnisse | RB 8: Fidei Ratio

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ref-credo.ch

RB 8: Fidei Ratio

Latein

In gegenwärtigem Deutsch

Erstens

1 also glaube und weiss ich, dass es nur einen einzigen Gott gibt, und dass er von Natur aus gut, wahr, mächtig, gerecht, weise, der Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge ist; dass er der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist; zwar drei Personen, deren Wesen aber eines und ungeteilt ist. Und überhaupt denke ich im Ein­zelnen über Gott und seine Namen oder Personen so, wie es das Nizänische und Atha­nasianische Glaubensbekenntnis darlegen.

2 Ich glaube und weiss, dass der Sohn Fleisch angenommen hat, dass er die menschliche Natur, ja den ganzen, aus Leib und Seele bestehenden Menschen wirklich von der un­befleckten und immerwährenden Jungfrau Maria angenommen hat, und zwar so, dass jener ganze Mensch derart in die Einheit des Wesens oder der Person des Sohnes Got­tes aufgenommen wurde, dass der Mensch keine eigene Person bildete, sondern in die untrennbare, unteilbare und unauflösliche Person des Sohnes Gottes aufgenommen wurde. Obwohl jedoch beide Naturen, die göttliche und die menschliche, ihre Art und Eigentümlichkeit so beibehalten haben, dass jede von beiden in ihm wahrhaft und wirklich vorhanden ist, zerteilen die verschiedenen Eigentümlichkeiten und Funktio­nen der beiden Naturen die Einheit der Person nicht, genauso wenig, wie im Menschen Seele und Leib zwei Personen bilden. Diese sind nämlich von Natur aus vollkommen verschieden, und es kommen ihnen daher auch verschiedene Eigentümlichkeiten und Tätigkeiten zu. Dennoch ist der Mensch, der aus ihnen besteht, nicht zwei Personen, sondern eine.

3 So ist Christus zugleich Gott und Mensch, Gottessohn von Ewigkeit her und Men­schensohn von dem dazu bestimmten Zeitpunkt an bis in Ewigkeit. Er ist eine einzige Person, ein einziger Christus, vollkommener Gott, vollkommener Mensch. Nicht weil die eine Natur zur anderen würde oder sich beide vermischten, sondern weil jede ihre Eigentümlichkeit behält und die Einheit der Person dennoch durch diese Eigentüm­lichkeiten nicht aufgehoben wird. Daher kommt es, dass ein und derselbe Christus nach der Art der menschlichen Natur als kleines Kind schreit, heranwächst, an Weis­heit zunimmt, hungert, dürstet, isst, trinkt, Hitze erleidet, friert, Schläge bekommt, schwitzt, verwundet wird, getötet wird, sich fürchtet, traurig ist und alles erträgt, was sonst noch mit der Busse und Strafe für die Sünde zusammenhängt. Denn die Sünde selbst ist ihm völlig fremd. Kraft der Eigenschaften seiner göttlichen Natur dagegen regiert er mit dem Vater über das Oberste und Unterste, durchdringt, trägt und erhält er alles, macht die Blinden sehend, heilt die Lahmen, ruft die Toten ins Leben, bringt die Feinde durch ein Wörtlein zu Fall, gewinnt selbst als Toter das Leben wieder, fährt in den Himmel, sendet den Heiligen Geist von sich aus. Und dies alles, so verschieden es in seiner Natur und Eigentümlichkeit auch ist, vollbringt ein und derselbe Christus, in­dem er die eine Person des Sohnes Gottes bleibt, und zwar so, dass auch das, was zur göttlichen Natur gehört, wegen der Einheit und Vollkommenheit der Person manchmal der menschlichen, und was zur menschlichen gehört, bisweilen der göttlichen Natur zugeschrieben wird. So sagte er, dass er, der Menschensohn, im Himmel sei, als er leiblich noch nicht in den Himmel aufgestiegen war. Petrus sagt, Christus habe für uns gelitten, obwohl allein seine menschliche Natur leiden kann. Aber wegen der Einheit der Person sagt man richtigerweise sowohl der Gottessohn hat gelitten als auch der Menschensohn vergibt Sünden. Denn er hat als derjenige, welcher in einer Person Got­tessohn und Menschensohn ist, nach der Eigentümlichkeit der menschlichen Natur ge­litten, und als derjenige, welcher in einer Person Gottessohn und Menschensohn ist, vergibt er Sünden nach der Eigentümlichkeit der göttlichen Natur.

4 Denn wie kommen wir dazu, zu sagen, der Mensch sei weise, obwohl er doch ebenso aus einem Leib wie aus einer Seele besteht, und der Leib mit Weisheit nichts zu tun hat, ja für Wissen und Verstand Gift und Hindernis ist? Und wiederum sagen wir von ihm, er sei von Wunden zerrissen, obwohl doch allein der Leib Wunden empfangen kann, die Seele aber nicht! Hier sagt niemand, aus dem Menschen würden zwei Perso­nen, wenn jedem Teil das Seine zugeschrieben wird. Und wiederum sagt niemand, die Naturen würden vermischt, wenn vom ganzen Menschen ausgesagt wird, was wegen der Einheit der Person zwar auf den ganzen Menschen zutrifft, wegen der Eigentüm­lichkeit der Teile aber nur auf die eine Natur. Paulus sagt: Wenn ich krank bin, bin ich stark. Wer aber ist es, der krank ist? Paulus: Wer ist wohl zugleich bei Kräften? Pau­lus: Aber ist das nicht widersprüchlich, unlogisch und unerträglich? Keineswegs! Pau­lus besteht nämlich nicht nur aus einer Natur, obwohl er nur eine Person ist. Wenn er also sagt: Ich bin krank, spricht sicher die Person, welche Paulus ist. Was er aber sagt, wird nicht von beiden Naturen ausgesagt oder verstanden, sondern nur von der Krank­heit des Leibes. Und wenn er sagt: Ich bin stark und gesund, spricht sicher die Person des Paulus, aber es ist nur die Seele gemeint. So stirbt der Sohn Gottes, nämlich der, der kraft der Einheit und Einfachheit der Person Gott und Mensch zugleich ist; er stirbt aber nur hinsichtlich seines Menschseins. In dieser Weise denke nicht nur ich, sondern so haben alle Rechtgläubigen über die Gottheit selbst wie über die Personen und die angenommene Natur gedacht, sowohl die Kirchenväter als auch die Scholastiker. So denken auch die, welche heute die Wahrheit erkennen.

Zweitens

5 weiss ich, dass jenes höchste göttliche Wesen, das mein Gott ist, über alle Dinge frei bestimmt, so dass sein Ratschluss nicht von der Zufälligkeit irgendeines Geschöpfs ab­hängt. Zur verstümmelten menschlichen Weisheit gehört es, nur diskursiv oder auf­grund eines Beispiels zu entscheiden. Gott aber, der von Ewigkeit zu Ewigkeit alles mit einem einzigen und einfachen Blick überschaut, muss nicht zuerst Überlegungen anstellen oder Ereignisse abwarten, sondern, wie er gleichermassen weise, klug, gut usw. ist, bestimmt und verfügt er frei über alles, denn alles, was ist, gehört ihm. Daher beschloss er, so sehr er mit Wissen und Voraussicht am Anfang den Menschen bildete, der fallen sollte, dennoch ebenso, seinen Sohn mit der menschlichen Natur zu beklei­den, um den Fall wieder gutzumachen. Auf diese Weise wurde seine Güte in jeder Be­ziehung offenbar. Diese nämlich, die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in sich schliesst, übte Gerechtigkeit aus, als sie den Übertreter aus den glücklichen Wohnun­gen des Paradieses vertrieb, als sie ihn in die Tretmühle des menschlichen Elends stellte und an die Ketten der Krankheit band, als sie ihn auf das Gesetz verpflichtete, das, obwohl es selbst heilig ist, niemand erfüllen konnte. Der zweifach Unglückliche erfuhr nicht nur, dass das Fleisch in Bedrängnis geraten war, sondern auch, dass der Geist durch die Furcht, das Gesetz übertreten zu haben, gequält wurde. Einerseits näm­lich erkannte er nach dem Geist, dass das Gesetz heilig, gerecht und ein Bote des göttlichen Willens ist, so dass es nichts gebietet, als was die Gerechtigkeit rät. Zu­gleich aber erkannte er, dass er durch seine Taten die Absicht des Gesetzes nicht er­füllte. Durch sein eigenes Urteil verdammt, ohne Hoffnung, die Seligkeit zu erlangen, aus Verzweiflung vor dem Angesicht Gottes fliehend, dachte er an nichts anderes, als dass er den Schmerz der ewigen Qual erleiden werde. Soweit offenbarte sich Gottes Gerechtigkeit.

6 ls es nun Zeit war, die Güte zu zeigen, die er nicht weniger als die Gerechtigkeit von Ewigkeit her zu offenbaren beschlossen hatte, sandte Gott seinen Sohn, um ganz und gar unsere Natur anzunehmen, ausgenommen ihren Hang zur Sünde. So konnte er, als Bruder uns gleich geworden, der Mittler sein, der sich für uns der göttlichen Gerech­tigkeit, die nicht weniger als die Güte unverletzt und unangetastet bleiben muss, opfert. Damit sollte die Welt gewiss sein, dass die Gerechtigkeit versöhnt und die Güte Gottes gegenwärtig ist. Denn wenn er uns und für uns seinen Sohn gab, wie wird er uns mit ihm und um seinetwillen nicht alles schenken? Was gibt es, das wir uns nicht von ihm versprechen sollen, der sich dazu herabliess, nicht nur uns gleich, sondern ganz der Unsrige zu sein? Wer kann den Reichtum und die Gnade der göttlichen Güte genügend bewundern, mit der er die Welt, das heisst das Menschengeschlecht, so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn für ihr Leben dahingab? Dies ist meiner Ansicht nach die Quelle und die Schlagader des Evangeliums, dies das allereinzige Heilmittel für die kraftlose Seele, durch das sie für Gott und für sich selbst wiederhergestellt wird. Nichts kann ihr ja die Gewissheit der Gnade Gottes geben als Gott selbst. Der aber hat die Gnade so freigebig, so reichlich und so umsichtig ganz über uns ausgegossen, dass nun nichts übrig bleibt, was wir noch wünschen könnten, ausser es würde jemand wa­gen, etwas über das Höchste und über die überströmende Fülle hinaus zu verlangen.

Drittens

7 weiss ich, dass es zur Sühnung der Sünden kein anderes Opfer gibt als Christus, denn auch Paulus ist nicht für uns gekreuzigt worden; dass es kein anderes und gewisseres und unbezweifelbareres Pfand der göttlichen Güte und Barmherzigkeit gibt, denn nichts ist so zuverlässig wie Gott; und dass es keinen anderen Namen unter der Sonne gibt, in welchem wir erlöst werden sollen, als der Name Jesu Christi. Hier erübrigen sich also sowohl die Rechtfertigung und Genugtuung durch unsere Werke als auch alle Sühne und Fürbitte aller Heiligen, ob sie nun auf der Erde oder im Himmel leben, um der Güte und Barmherzigkeit Gottes willen. Der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist hier nämlich der Gott und der Mensch Jesus Christus. Gottes Erwäh­lung aber steht fest und bleibt gewiss. Die, welche er vor der Grundlegung der Welt erwählte, erwählte er so, dass er sie durch seinen Sohn mit sich verband. Wie er näm­lich gütig und barmherzig ist, so ist er auch heilig und gerecht. Alle seine Werke las­sen ja Barmherzigkeit und Gerechtigkeit erkennen. Auch seine Erwählung gibt daher mit Recht beides zu erkennen. Es gehört zu seiner Güte, dass er die erwählt hat, wel­che er will, zu seiner Gerechtigkeit aber gehört, dass er die Erwählten durch seinen Sohn annimmt und mit sich verbindet, der für uns das Opfer wurde, um der Gerechtig­keit Genüge zu tun.

Viertens

8 weiss ich, dass unser Urahne, der erste Vater, aufgrund der philautia, das heisst der Eigenliebe, durch die Einflüsterung des Teufels, der ihm aus Neid diesen verderbli­chen Rat gab, dahin verleitet wurde, dass er werden wollte wie Gott. Als er sich zu diesem Vergehen entschlossen hatte, ass er den verbotenen und verderblichen Apfel, fiel dadurch in die Schuld und Anklage der Todesstrafe und wurde zu einem Feind und Gegner seines Gottes. Obwohl ihn Gott nun vernichten könnte, und es die Gerechtig­keit sogar verlangte, hat der unverdient gütige Gott die Todesstrafe in den Sklaven­stand verwandelt, so dass er den zum Sklaven machte, den er mit dem Tode hätte be­strafen können. Da weder er noch einer seiner Nachkommen dieses Verhängnis aufhe­ben kann, denn ein Sklave kann nur einen Sklaven zeugen‚ hat er durch diesen unheil­vollen Bissen die ganze Nachkommenschaft in die Sklaverei geworfen.

9 Über die Erbsünde denke ich folgendermassen: Von Sünde ist dann im eigentlichen Sinn die Rede, wenn gegen das Gesetz verstossen wird. Wo es nämlich kein Gesetz gibt, da gibt es keine Übertretung. Und wo es keine Übertretung gibt, da gibt es keine Sünde im eigentlichen Sinn, denn die Sünde ist ja immer ein Verbrechen, ein Verge­hen, eine Übeltat oder Schuld. Ich bekenne daher, dass unser Urvater eine Sünde be­gangen hat, die wirklich Sünde ist, nämlich ein Verbrechen, das heisst ein Vergehen und einen Frevel gegen Gott. Seine Nachkommen aber haben nicht auf diese Weise gesündigt. Denn wer von uns hat im Paradies mit den eigenen Zähnen in den verbote­nen Apfel gebissen? Ob wir wollen oder nicht, wir sind gezwungen zuzugeben, dass die Erbsünde, wie sie für die Kinder Adams besteht, nicht im eigentlichen Sinn Sünde ist, wie schon gezeigt wurde, denn sie ist keine Gesetzesübertretung. Sie ist daher im eigentlichen Sinn eine Krankheit und ein Verhängnis. Eine Krankheit, weil auch wir so fallen, wie er aus Selbstliebe gefallen ist. Ein Verhängnis, weil auch wir als Sklaven und Kinder des göttlichen Zorns geboren werden und dem Tod unterworfen sind, wie er zum Sklaven gemacht und dem Tod unterworfen wurde.

 

10 Ich habe allerdings nichts dagegen, dass man diese Krankheit und dieses Verhängnis nach dem Sprachgebrauch des Paulus Sünde nennt; dass man sie eine solche Sünde nennt, dass alle, die in ihr geboren werden, Feinde und Gegner Gottes sind. Denn da­hin bringt sie das Verhängnis der Geburt, nicht die Verübung eines eigenen Verbre­chens, ausser insofern unser Urvater dies einmal begangen hat. Die wirkliche Ursache der erbitterten Feindschaft und des Todes ist das von Adam begangene Vergehen und der von ihm verübte Gottesfrevel, und dies ist im eigentlichen Sinn Sünde. Jene Sünde aber, die uns anhaftet, ist streng genommen Krankheit und Verhängnis und bringt da­mit allerdings die Notwendigkeit des Sterbens mit sich. Sie wäre aber niemals von Geburt an unser Schicksal geworden, wenn nicht jenes Vergehen die Geburt verdorben hätte. Die Verdorbenheit des Menschen kommt daher aus dem Vergehen wie aus einer Ursache, und nicht aus der Geburt. Aus der Geburt kommt sie nicht anders, als dass sie aus dieser Quelle und Ursache folgt. Bestärkt wird diese Auffassung durch die Autori­tät der Schrift und durch ein Beispiel. Paulus redet in Römer 5,17 so. Wenn nämlich wegen der Sünde des Einen der Tod die Herrschaft erhielt durch den Einen, um wie viel mehr etc. Hier sehen wir Sünde im eigentlichen Sinn verstanden. Denn der Eine ist Adam, wegen dessen Schuld uns der Tod im Nacken sitzt. In Kapitel 3,23 sagt er fol­gendes: Denn alle haben gesündigt und entbehren des Ruhmes, das heisst der Güte und Freundlichkeit Gottes. Hier wird Sünde im Sinne von Krankheit, Verhängnis und Geburt verstanden, so dass wir alle Sünder genannt werden, sogar bevor wir das Licht der Welt erblicken, indem wir unter dem Verhängnis der Sünde und des Todes stehen, auch bevor wir durch die Tat sündigen. Diese Meinung wird wiederum unwider­sprechlich bestätigt durch die Worte des Paulus in Römer 5,14: Aber der Tod herrsch­te oder gelangte von Adam bis zu Mose, auch in denen, die nicht durch die gleiche Übertretung wie Adam gesündigt hatten. Also ist der Tod auch in uns, auch wenn wir nicht so wie Adam gesündigt haben! Weshalb? Weil er gesündigt hat. Wenn wir aber nicht auf diese Weise gesündigt haben, warum vernichtet uns der Tod dennoch? Weil jener wegen der Sünde starb und als Toter, das heisst als dem Tod Ausgelieferter, uns gezeugt hat. Deshalb sterben auch wir, aber aufgrund seiner Schuld, in Wirklichkeit aufgrund unseres Verhängnisses und unserer Krankheit, oder, wenn man so will, auf­grund der Sünde, aber im uneigentlichen Sinn verstanden.

11 Das Beispiel lautet folgendermassen: Ein Kriegsgefangener hat durch Treulosigkeit und Feindseligkeit verdient, als Sklave behandelt zu werden. Seine Nachkommen werden zu oiketai, das heisst zu Leibeigenen oder Knechten eines Herrschers, nicht aufgrund eigenen Verschuldens, einer Schuld oder eines Vergehens, sondern infolge des Verhängnisses, das der Schuld folgte. Der Vater, von dem sie abstammen, hatte dies durch sein Verbrechen verschuldet. Die Nachkommen haben kein Verbrechen begangen, müssen aber die schwere Strafe für das Verbrechen, nämlich das Verhäng­nis, die Knechtschaft und Gefangenschaft ertragen. Wenn man dies Verbrechen nen­nen will, weil sie ihre Lage einem Verbrechen verdanken, habe ich nichts dagegen. Ich anerkenne auch, dass diese Erbsünde durch Verhängnis und Verseuchung alle Men­schen betrifft, die aus der Liebe zwischen Mann und Frau geboren werden. Ich weiss auch, dass wir von Natur Kinder des Zorns sind, zweifle aber nicht daran, dass wir aus Gnade, die durch den zweiten Adam, Christus , den Fall wiedergutmachte, unter die Kinder Gottes aufgenommen werden. Aber so, wie nun folgt.

Fünftens:

12 Wenn wir in Christus, dem zweiten Adam, dem Leben wiedergegeben werden, wie wir im ersten Adam dem Tod übergeben wurden, dann steht fest, dass wir unbesonnen handeln, wenn wir die Kinder christlicher Eltern, ja auch die Kinder der Heiden, ver­dammen. Wenn Adam nämlich durch seine Sünde das ganze Menschengeschlecht ver­derben konnte, Christus aber durch sein Sterben nicht das ganze Menschengeschlecht lebendig gemacht und von dem dadurch angerichteten Unheil erlöst hat, so wäre das durch Christus wiederhergestellte Heil dem Unheil nicht ebenbürtig und ebenso wäre,  das sei ferne, nicht wahr: So wie in Adam alle gestorben sind, so werden in Christus alle dem Leben wiedergegeben. Wie auch immer man aber hinsichtlich der Kinder der Heiden entscheiden mag, dies behaupten wir aufgrund der Kraft des durch Christus dargebotenen Heils mit Bestimmtheit, dass diejenigen, welche sie dem ewigen Fluch preisgeben, an der Sache vorbeireden, sowohl aufgrund der erwähnten Wiederherstel­lung, als auch wegen der freien Erwählung Gottes, die nicht eine Folge des Glaubens ist; vielmehr ist der Glaube Folge der Erwählung. Darüber im folgenden Artikel. Die­jenigen, die von Ewigkeit her erwählt sind, sind zweifellos auch erwählt, bevor sie glauben. Daher sollen die, welche wegen ihres Alters den Glauben noch nicht haben, von uns nicht grundlos verdammt werden. Auch wenn sie ihn nämlich noch nicht ha­ben, so ist uns Gottes Erwählung doch verborgen. Wenn sie von ihm erwählt sind, dann urteilen wir voreilig über Unerforschliches.

13 Über die christlichen Kinder aber urteilen wir anders. Alle Christenkinder gehören nämlich zur Kirche Gottes und sind Teile und Glieder seiner Kirche. Das beweisen wir so: Durch die Zeugnisse fast aller Propheten ist verheissen, die Kirche müsse aus den Heiden zur Kirche des Volkes Gottes versammelt werden. Und Christus selbst sagt: Sie werden von Osten und Westen kommen und mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu Tische liegen. Und: Gehet hin in alle Welt. Zur Kirche der Juden gehörten aber deren Kinder genauso wie die Juden selbst. Ebenso gut wie einst diejenigen der Juden gehören daher unsere Kinder zur Kirche Christi. Sonst wäre nämlich die Ver­heissung nicht mehr gültig, weil wir dann nicht gleich wie Abraham mit Gott zu Tisch liegen würden. Denn dieser wurde zusammen mit seinen leiblichen Nachkommen zur Kirche gezählt. Wenn aber unsere Kinder nicht so mit den Eltern mitgezählt würden, dann wäre Christus uns gegenüber niederträchtig und missgünstig, indem er uns ver­weigern würde, was er den Vorfahren gegeben hat. Es ist aber schon gottlos, das über­haupt zu sagen. Sonst würde nämlich die ganze Verheissung über die Berufung der Heiden ungültig. Da die Christenkinder nicht weniger zur sichtbaren Kirche Christi gehören als die Erwachsenen, steht fest, dass wir sie nicht weniger zur Zahl der nach unserem Urteil Erwählten rechnen müssen als die Eltern. So kommt es, dass ich der Meinung bin, dass jene, die die Christenkinder der Verdammnis preisgeben, gottlos und anmassend handeln, da ja so viele deutliche Schriftzeugnisse dem widersprechen und behaupten, die Kirche aus den Heiden werde nicht nur gleich, sondern grösser sein als diejenige aus den Juden. Das soll nun alles noch deutlicher werden, wenn wir unse­ren Glauben von der Kirche darlegen.

Sechstens

14 denken wir daher über die Kirche so: Kirche wird in den Schriften verschieden ver­wendet. Einmal für die Erwählten, die nach dem Willen Gottes zum ewigen Leben be­stimmt sind. Von dieser spricht Paulus, wenn er sagt, sie habe weder Runzeln noch Flecken. Sie ist allein Gott bekannt, denn er allein kennt nach einem Wort Salomos die Herzen der Menschenkinder. Nichtsdestoweniger aber wissen die Glieder dieser Kir­che, indem sie den Glauben haben, dass sie selbst erwählt und Kinder dieser ersten Kirche sind. Sie wissen jedoch nicht, welche Glieder sonst noch dazu gehören. So nämlich steht es in der Apostelgeschichte: Und es glaubten, wie viele zum ewigen Le­ben bestimmt waren. Diejenigen, die glauben, sind folglich zum ewigen Leben be­stimmt. Wer aber in Wahrheit glaubt, weiss nur der Glaubende selbst. Er ist also schon gewiss, ein Erwählter Gottes zu sein. Er hat nämlich, gemäss dem Apostelwort, die Anzahlung des Geistes. Durch ihn geweiht und versiegelt, weiss er, dass er wahrhaftig frei und ein Sohn des Hauses geworden ist, nicht ein Sklave. Dieser Geist kann näm­lich nicht täuschen. Wenn er uns immer wieder sagt, Gott sei unser Vater, und wir ihn zuversichtlich und unverzagt als Vater anreden, in der Gewissheit, dass wir das ewige Erbe erlangen werden, ist der Geist des Gottessohnes gewiss in unsere Herzen ausge­gossen. Sicher ist daher der erwählt, der so gewiss und zuversichtlich ist. Denn die, welche glauben, sind zum ewigen Leben bestimmt. Andererseits jedoch sind viele er­wählt, die den Glauben noch nicht haben. Waren denn die göttliche Gottesgebärerin, Johannes, Paulus, als sie noch kleine Kinder waren, etwa nicht erwählt und dies schon vor der Erschaffung der Welt? Das wussten sie aber weder aufgrund des Glaubens noch aufgrund der Offenbarung. Matthäus, Zachäus, der Schacher am Kreuz und Mag­dalena, waren sie etwa nicht vor der Erschaffung der Welt erwählt? Und dennoch wussten sie es nicht, bis sie vom Geist erleuchtet und vom Vater zu Christus gezogen wurden. Daraus ergibt sich, dass diese erste Kirche allein Gott bekannt ist, und dass nur jene, die einen festen und unerschütterlichen Glauben haben, wissen, dass sie Glieder dieser Kirche sind.

15 Andererseits wird Kirche überhaupt für alle verwendet, die mit dem Namen Christi bezeichnet werden, das heisst, die sich zu Christus bekannt haben. Von ihnen aner­kennt ein grosser Teil Christus sichtbar durch das Bekenntnis oder die Teilnahme an den Sakramenten, lehnt ihn jedoch im Herzen ab oder kennt ihn nicht. Zu dieser Kir­che gehören daher nach unserer Überzeugung alle, die den Namen Christi bekennen. So gehörte Judas zur Kirche Christi und alle, die sich von Christus abwandten. Judas wurde nämlich von den Aposteln genauso für ein Glied der Kirche Christi gehalten wie Petrus und Johannes, obwohl er nichts weniger als dies war. Christus aber wusste, wer zu ihm gehörte und wer zum Teufel. Also besteht diese wahrnehmbare Kirche, obwohl sie in dieser Welt nicht zusammenkommt, aus allen, die Christus bekennen, auch wenn viele Verworfene darunter sind. Christus hat sie nämlich durch die treffen­de Allegorie von den zehn Jungfrauen, von denen ein Teil klug, ein Teil töricht war, dargestellt. Sie wird ebenfalls manchmal erwählt genannt, auch wenn sie nicht jene erste ohne Flecken ist. Im gleichen Sinn, wie sie nach menschlichem Urteil wegen des äusserlich wahrnehmbaren Bekenntnisses als Kirche Gottes gilt, wird sie auch als er­wählt bezeichnet. Wir betrachten nämlich diejenigen als Glaubende und Erwählte, die sich zu Christus bekennen. So redet Petrus von den Erwählten, die überall in Pontus sind. Hier meint er mit Erwählte alle, die zu den Kirchen gehören, an welche er schreibt, nicht nur die, welche im eigentlichen Sinn vom Herrn erwählt sind, denn diese waren dem Petrus unbekannt, so dass er ihnen nicht schreiben konnte.

16 Zuletzt wird Kirche für jede einzelne Gemeinde dieser allgemeinen und sichtbaren Kirche verwendet, wie die Kirche in Rom, in Augsburg, in Lyon. Es gibt auch noch andere Bedeutungen von Kirche, die jetzt nicht aufgezählt werden müssen. Ich glaube demnach also, dass es eine Kirche gibt, die aus denen besteht, welche denselben Geist haben, der sie gewiss macht, dass sie wahre Kinder des Hauses Gottes sind. Das ist die Erstlingsfrucht der Kirchen. Ich glaube, dass diese Kirche in der Wahrheit nicht irrt, nämlich in den entscheidenden Grundlagen des Glaubens, auf denen alles beruht. Ich glaube ferner, dass die eine allgemeine sichtbare Kirche eine einzige ist, sofern sie das wahre Bekenntnis, von dem schon die Rede war, festhält.

17 Ich glaube ausserdem, dass zu dieser Kirche alle gehören, die sich nach dem Gebot und der Verheissung des Wortes Gottes dazu bekennen. Ich glaube, dass die Kinder Isaak, Jakob, Juda und alle, die aus dem Samen Abrahams stammen, schon als Kinder, wie auch die Kinder, deren Eltern in den ersten Zeiten der Kirche aufgrund der Predigt der Apostel auf die Seite Christi traten, zu dieser Kirche gehören. Denn wenn Isaak und die übrigen Väter nicht dazugehört hätten, hätten sie das Kennzeichen der Kirche nicht erhalten. Wenn sie also zur Kirche gehörten, dann gehörten auch die kleinen Kinder der Urkirche dazu. Daher glaube und weiss ich, dass sie das Sakrament der Taufe als Zeichen empfangen haben. Denn auch die Kinder bekennen, wenn sie von den Eltern der Kirche dargebracht werden, oder vielmehr, wenn die Verheissung sie darbringt, die für unsere Kinder nicht kleiner, sondern um vieles weiter und reicher geworden ist als für die Kinder der Hebräer. Dies sind daher die Grundlagen für die Taufe und Übergabe der Kinder an die Kirche, gegen die alle Geschosse und Kunst­griffe der Wiedertäufer nichts ausrichten können. Nicht nur die Glaubenden, sondern auch die Bekennenden sollen nämlich getauft werden, die nach den Verheissungen des Wortes Gottes zur Kirche gehören. Sonst würde überhaupt auch keiner der Apostel irgendjemanden taufen, denn kein Apostel besitzt über den Glauben eines Menschen Gewissheit, der bekennt und sich dazuzählt. Denn sogar Simon der Zauberer, Ananias, auch Judas und wer nicht alles, sind getauft worden; obwohl sie es von sich bekannten, hatten sie dennoch keinen Glauben. Andererseits wurde Isaak als Kind beschnitten, obwohl er weder ein Bekenntnis ablegte noch glaubte. Vielmehr legte die Verheissung für ihn das Bekenntnis ab. Weil sich nun aber unsere Kinder in der gleichen Lage wie diejenigen der Hebräer befinden, legt nun auch die Verheissung für unsere Kirche das Bekenntnis ab und zeugt für sie. In Wirklichkeit verlangt daher die Taufe, genau so wie die Beschneidung, wir sprechen aber vom Sakrament der Taufe, nur eines von beiden: entweder das Bekenntnis, also die Bezeugung der Zugehörigkeit, oder den Bund, also die Verheissung. Dies alles wird im Folgenden noch klarer werden.

Siebtens

18 glaube, ja weiss ich, dass alle Sakramente so weit davon entfernt sind, die Gnade zu verleihen, dass sie diese nicht einmal herbeibringen oder verwalten. In dieser Sache könnte ich Dir vielleicht zu kühn erscheinen, mächtigster Kaiser, doch ist diese Auf­fassung fest gegründet. Wie die Gnade nämlich vom göttlichen Geist bewirkt oder ge­schenkt wird, ich benütze das Wort aber im lateinischen Sinn, indem ich nämlich den Ausdruck Gnade für Vergebung, Nachsicht und freie Wohltat verwende‚ so fällt die­ses Geschenk allein dem Geist zu. Der Geist braucht aber keinen Führer und kein Transportmittel. Er selbst ist nämlich Kraft und Träger, durch den alles gebracht wird, er hat nicht nötig, selber gebracht zu werden. Wir lesen auch in den heiligen Schriften nie, dass Sichtbares, was die Sakramente ja sind, den Geist mit Sicherheit mit sich bringen würde. Vielmehr war, wenn Sichtbares je mit dem Geist verbunden war, der Geist der Träger, nicht das Sichtbare. So wurden, als ein starker Wind kam, zugleich durch die Kraft des Windes die Zungen herbeigeführt, nicht der Wind durch die Kraft der Zungen. So brachte der Wind Wachteln und führte Heuschrecken weg, aber keine Wachtel oder Heuschrecke konnte jemals so gut fliegen, dass sie den Wind herbeige­bracht hätte. Ebenso war es, als ein Wehen an Elia vorbeiging, das so stark war, selbst Berge hinwegheben zu können; der Herr wurde dennoch nicht durch das Wehen herangetragen usw. Kurz: Der Geist weht, wo er will. Das heisst, der Wind weht so, wie es seiner Natur entspricht, und du hörst zwar seine Stimme, aber du weisst nicht, woher er kommt oder wo er sich niederlässt. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren wird, das heisst, er wird auf unsichtbare und unbegreifliche Weise erleuchtet und gezogen. Die Wahrheit hat das gesprochen. Die Gnade des Geistes wird daher nicht durch dieses Untertauchen, nicht durch dieses Trinken, nicht durch jene Salbung vermittelt, denn wenn dem so wäre, wüsste man ja, wie, wo, wodurch und wohin der Geist gebracht wird. Ist nämlich Gegenwart und Wirksamkeit der Gnade an die Sakra­mente gebunden, dann wirkt sie dort, wohin diese gebracht werden; wo man sie nicht gebraucht, hat sie keine Wirkung.

19 Auch ist es nicht so, dass, wie die Theologen vorgeben, die Materie oder das Subjekt eine vorausgehende Disposition braucht, das heisst, dass die Gnade der Taufe oder der Eucharistie, wie sie sagen, nur dem gegeben wird, der darauf vorbereitet ist. Wer näm­lich ihrer Meinung nach die Gnade durch die Sakramente empfängt, bereitet entweder sich selbst darauf vor oder wird vom Geist vorbereitet. Wenn er sich selbst darauf vor­bereitet, vermögen wir folglich etwas aus uns selbst heraus, und die zuvorkommende Gnade ist nichtig. Wenn er vom Geist zum Empfang der Gnade vorbereitet wird, so frage ich, ob das auch durch die Vermittlung des Sakraments oder ausserhalb des Sa­kraments geschieht. Wenn durch die Vermittlung des Sakraments, dann wird der Mensch durch das Sakrament für das Sakrament vorbereitet, und so ginge es in einem unendlichen Regress weiter, denn immer wird zur Vorbereitung auf das Sakrament das Sakrament verlangt. Wenn wir aber ohne Sakrament zum Empfang der sakramentalen Gnade vorbereitet werden, dann ist der Geist in seiner Güte vor dem Sakrament anwe­send, und demnach ist die Gnade sowohl bewirkt als auch gegenwärtig, bevor das Sa­krament dargereicht wird. Daraus geht hervor, was ich hinsichtlich der Sakramente sehr gern zugebe: die Sakramente werden zum öffentlichen Zeugnis der Gnade gege­ben, die jedem schon vorher persönlich zuteil geworden ist.

20 So wird die Taufe vor der Gemeinde dem verliehen, der, bevor er sie erhält, entweder sich zum christlichen Glauben bekannt hat oder das Wort der Verheissung hat, wo­durch man weiss, dass er zur Kirche gehört. Deshalb fragen wir, wenn wir einen Er­wachsenen taufen, ob er glaube. Erst dann, wenn er mit Ja antwortet, empfängt er die Taufe. Der Glaube war also da, bevor er die Taufe empfing. Folglich wird der Glaube nicht durch die Taufe verliehen. Wenn nun ein Kind gebracht wird, wird gefragt, ob es die Eltern zur Taufe bringen wollen. Und erst dann, wenn sie durch die Taufzeugen antworten, sie wollten, dass es getauft werde, wird das Kind getauft. Auch hier ging die Verheissung Gottes voran, dass er unsere Kinder nicht weniger zur Kirche rechne als die der Hebräer. Wenn nämlich die ihr Kind bringen, die zur Kirche gehören, wird das Kind, da es ja von Christen stammt, schon unter der Voraussetzung getauft, dass es, aufgrund der göttlichen Verheissung, zu den Gliedern der Kirche gerechnet wird. Durch die Taufe nimmt also die Kirche den öffentlich auf, der vorher durch die Gnade aufgenommen worden ist. Daher bringt die Taufe die Gnade nicht mit sich, vielmehr wird der Kirche damit bezeugt, dass sie dem Täufling zuteil geworden ist.

21 Ich glaube also, o Kaiser, dass das Sakrament ein Zeichen der heiligen Sache, das heisst der zuteilgewordenen Gnade, ist. Ich glaube, dass es eine sichtbare Gestalt oder Form der unsichtbaren Gnade ist, welche natürlich durch die Gabe Gottes verursacht und gegeben ist, das heisst ein sichtbares Beispiel, das dennoch eine gewisse Analogie zu der durch den Geist gewirkten Sache besitzt. Ich glaube, dass es ein öffentliches Zeugnis ist. So wird zum Beispiel, wenn wir getauft werden, der Körper mit dem aller­reinsten Element abgewaschen. Das bedeutet aber, dass wir durch die Gnade der göttlichen Güte in die Versammlung der Kirche und des Volkes Gottes aufgenommen sind, in welcher es gilt, rein und unbefleckt zu leben. So erklärt Paulus in Römer 6,1—11 dieses Mysterium. Wer die Taufe empfängt, bezeugt daher, dass er zur Kirche Chri­sti gehört, die ihren Herrn in der Reinheit des Glaubens und der Rechtschaffenheit des Lebens verehrt. Und deshalb sollen die Sakramente, als heilige Zeremonien, es kommt nämlich das Wort zum Element, und es wird das Sakrament, fromm verehrt, das heisst hochgeschätzt und ehrfürchtig vollzogen werden. So sehr sie die Gnade nicht bewir­ken können, verbinden sie uns doch sichtbar mit der Kirche, die wir schon vorher un­sichtbar in sie aufgenommen worden sind. Das ist, da dies zugleich in ihrem Vollzug mit den Worten der göttlichen Verheissung verkündet und bekannt gemacht wird, mit höchster Ehrfurcht zu beachten.

22 Denn wenn wir anders über die Sakramente denken würden, zum Beispiel, dass die äusserliche Anwendung innerlich reinigte, wären wir wieder zum Judentum zurückge­kehrt, das glaubte, dass mit verschiedenen Ölungen, Salbungen, Darbringungen, Op­fern und Speisegeboten die Sünden gesühnt und die Gnade gleichsam erkauft und er­worben würde. Das haben jedoch die Propheten und besonders Jesaja und Jeremia stets mit grösster Hartnäckigkeit getadelt, indem sie lehrten, die Verheissungen und Wohltaten seien durch Gottes Freigebigkeit gegeben worden und nicht im Blick auf Verdienste oder äusserliche Zeremonien. Ich glaube auch, dass die Wiedertäufer, wenn sie die Taufe der Kinder von Gläubigen ablehnen, ganz und gar irren, und zwar nicht nur in diesem, sondern auch in vielen anderen Punkten, von welchen hier nicht gespro­chen werden muss. Um mich vor deren Torheit oder Bosheit zu hüten, habe ich als er­ster, nicht ohne Gefahr, im Vertrauen auf Gottes Hilfe gegen sie gelehrt und geschrie­ben, so dass nun durch seine Güte dieses Übel bei uns sehr abgenommen hat. So liegt mir vollkommen fern, irgendetwas aus dieser aufrührerischen Sekte zu übernehmen, zu lehren oder zu verteidigen.

Achtens

23 glaube ich, dass im heiligen Mahl der Eucharistie, das heisst der Danksagung, der wahre Leib Christi in der gläubigen Betrachtung gegenwärtig ist. Das heisst, dass die, welche dem Herrn für die uns in seinem Sohn erwiesene Wohltat danksagen, erken­nen, dass er wahres Fleisch angenommen, wahrhaft darin gelitten, wahrhaft unsere Sünden durch sein Blut abgewaschen hat, und dass ihnen so alles, was Christus getan hat, in der Betrachtung des Glaubens gleichsam gegenwärtig wird. Dass aber der Leib Christi wesentlich und wirklich, das heisst sein natürlicher Leib, entweder im Abend­mahl anwesend ist oder mit unserem Mund und unseren Zähnen gegessen wird, wie die Päpstler und gewisse Leute sagen, die nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück­blicken, das leugnen wir nicht nur, sondern beharren fest darauf, dass es ein Irrtum ist, der dem Wort Gottes widerspricht. Das will ich mit Gottes Hilfe Deiner Majestät, Kai­ser, mit wenigen Worten sonnenklar machen: erstens, indem ich göttliche Aussprüche anführe, zweitens, indem ich mit den daraus genommenen Argumenten wie mit Sturm­böcken gegen die Widersacher vorgehe, zuletzt, indem ich zeige, dass die alten Theo­logen unserer Meinung gewesen sind. Einstweilen sei Du, Schöpfer Geist, anwesend und erleuchte die Sinne der Deinen, erfülle die Herzen, die Du geschaffen hast, mit Gnade und Licht.

24 Christus, der selbst der Mund und die Weisheit Gottes ist, sagt folgendes: Die Armen werdet ihr immer bei euch haben, mich aber werdet ihr nicht immer haben. Hier wird nur die Gegenwart des Leibes geleugnet, denn nach der Gottheit ist Christus immer gegenwärtig, weil er immer überall ist, wie er in einem anderen Wort sagt: Ich werde mit euch sein bis an das Ende der Welt, natürlich nach seiner Gottheit, Kraft und Güte. Auch Augustin denkt gleich wie wir. Es besteht kein Grund für das von den Gegnern vorgebrachte Argument, die Menschheit Christi sei überall, wo die Gottheit sei, sonst würde die Person zerteilt. Das würde nämlich die wahre Menschheit Christi aufheben. Überall sein kann nämlich nur Gott. Und dass sich die menschliche Natur an einem einzigen Ort befindet, die göttliche aber überall, zerteilt die Person ebenso wenig, wie die Annahme der menschlichen Natur durch den Sohn die Einheit des Wesens. Viel­mehr würde die Einheit eines Wesens eher zerteilt, wenn eine Person eine geschöpfli­che Gestalt annähme, welche die anderen überhaupt nicht annehmen, als dass es die Person zerteilen würde, wenn die menschliche Natur an einem Ort ist, die göttliche aber überall. Wir sehen ja auch bei den Geschöpfen, dass die Körper an einen be­stimmten Ort gebunden sind, ihre Macht aber und Kraft viel weiter reicht. Ein Beispiel ist die Sonne, deren Körper sich an einem Ort befindet, deren Kraft aber weithin alles durchdringt. Der Geist des Menschen steigt auch über die Sterne hinaus und dringt in die Unterwelt hinab, und dennoch ist sein Leib an einem bestimmten Ort.

25 Ebenso sagt er: Wieder verlasse ich die Welt und gehe zum Vater. Hier wird das Wort verlassen wie vorher haben verwendet, so dass die Gegner noch weniger sagen kön­nen: Wir haben ihn nicht sichtbar. Wenn er nämlich vom Verschwinden seines sicht­baren Körpers spricht, redet er so: Eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen. Es würde auch nur eine falsche und trügerische Vorstellung am Leben erhalten, wenn wir behaupten würden, sein natürlicher Leib sei anwesend, aber unsichtbar. Wa­rum würde er sich denn dem Blick entziehen, wenn er doch da wäre, der sich nach der Auferstehung sooft den Jüngern gezeigt hat? Aber es ist gut für euch, sagt er, dass ich weggehe. Wenn er aber hier wäre, würde es nichts nützen, dass wir ihn nicht sehen. Er selbst gab sich nämlich, sooft die Jünger bei seinem Anblick in Verwirrung gerieten, deutlich zu erkennen, damit ihr Bewusstsein oder Denken keinen Schaden nähme. Betastet mich, sagt er, und habt keine Angst, ich bin es, und: Maria, rühre mich nicht an! usw.

26 Als er unmittelbar vor seinem Weggehen die Jünger dem Vater anvertraute, sagte er: Ich werde von nun an nicht in der Welt sein - kai ouk eti eimi en to kosmo. Hier wird das Wort sein als selbständiges Prädikat verwendet: von nun an bin ich nicht in der Welt, und zwar ebenso wie in den Worten: Das ist mein Leib, so dass unsere Gegner hier nicht sagen können, es sei eine Bildrede, weil sie ja leugnen, dass sein bildlich gebraucht werden kann. Die Sache hat diese Worte nicht nötig. Es folgt nämlich: Die­se aber sind in der Welt. Diese Gegenüberstellung zeigt deutlich, dass Christus nach der menschlichen Natur nicht in der Welt ist, während es die Jünger damals noch wa­ren. Und damit wir wissen, wann er weggegangen ist, nicht, wie jene mehr erfinden als darlegen: wann er sich unsichtbar gemacht hat, berichtet Lukas: Und es geschah, als er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er von ihnen und wurde in den Himmel em­porgehoben. Er sagt nicht: Er verschwand oder: Er machte sich unsichtbar. Markus sagt darüber folgendes: Der Herr wurde, nachdem er mit ihnen gesprochen hatte, in den Himmel aufgenommen und sitzt zur Rechten Gottes. Er sagt nicht: Er blieb hier, machte aber seinen Leib unsichtbar. Und Lukas sagt in der Apostelgeschichte: Als er das gesagt hatte, wurde er unter ihren Blicken weggenommen und in die Höhe geho­ben, eine Wolke aber verbarg ihn vor ihren Augen. Die Wolke hat ihn verdeckt, was nicht nötig gewesen wäre, wenn er nur dem Anblick entnommen worden und sonst noch dagewesen wäre; dann wäre auch weder die Entrückung noch die Erhöhung notwendig gewesen. An derselben Stelle: Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn in den Himmel habt gehen sehen. Was ist klarer als das? Von euch weg, sagt er, ist er aufgenommen wor­den. Folglich war er nach seiner menschlichen Natur nicht bei ihnen, weder sichtbar noch unsichtbar. Wenn wir ihn also zurückkommen sehen, wie er weggegangen ist, dann werden wir wissen, dass er da ist. Im Übrigen sitzt er nach der menschlichen Natur zur Rechten des Vaters, bis er zurückkommt, zu richten die Lebenden und die Toten.

27 Die Leute aber, die dem Leib Christi keinen Ort zugestehen und sagen, er sei nicht an einem bestimmten Ort, sollen bedenken, dass sie offensichtlich mit geschlossenen Augen gegen die Wahrheit angehen. Er war in der Krippe, am Kreuz, in Jerusalem, als sich die Eltern auf der Reise befanden, im Grab, ausserhalb des Grabes. Der Engel sagt nämlich: Er ist auferstanden, er ist nicht hier, sehet da den Ort, wo sie ihn hingelegt haben. Und damit sie nicht sagen können, sein Leib sei überall, sollen sie hören: Jesus kam bei verschlossenen Türen und stand mitten unter ihnen. Wie wäre es nötig gewe­sen zu kommen, wenn sein Leib überall ist, aber unsichtbar? Er hätte in der Zukunft nicht zu kommen brauchen, sondern sich, weil er ja gegenwärtig war, nur zeigen müs­sen. Doch soll solcher betrügerische Unfug verschwinden, der uns die Wahrheit der Menschheit Christi und der heiligen Schriften wegnimmt!

28 Diese Zeugnisse lassen die Gegenwart des Leibes Christi nur im Himmel zu, wenn wir rechtmässig reden wollen, das heisst, wenn wir soviel sagen, wie uns durch die Schrift über die Natur und Eigenschaft des angenommenen Leibes bekannt ist. Soviel wir auch in Bezug auf die Macht Gottes genötigt werden, Widersprüche zu denken, so darf diese doch nie soweit verdreht werden, dass wir glauben, Gott handle gegen sein Wort. Denn das wäre nicht mehr Macht, sondern Ohnmacht usw. Dass aber der natürliche Leib Christi nicht mit unserem Mund gegessen wird, hat Christus selbst gezeigt, als er den über das leibliche Essen seines Fleisches streitenden Juden sagte: Das Fleisch ist nichts nütze, nämlich insofern es leiblich gegessen wird, aber sehr viel im Blick auf ein geistliches Essen, denn es gibt das Leben. Was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was vom Geist geboren ist, ist Geist. Wenn also der natürliche Leib Chri­sti von unserem Mund gegessen wird, was entsteht aus leiblich gekautem Fleisch an­deres als Fleisch? Und damit das Argument niemandem schwach erscheine, höre er auch den zweiten Teil: Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. Was also Geist ist, ist aus dem Geist geboren. Wenn also das Fleisch Christi für die Seele heilbringend ist, musste es geistlich, nicht fleischlich gegessen werden. Das gehört auch zum Thema der Sakramente, dass der Geist durch Geist gezeugt wird, nicht durch etwas Körperli­ches, wie wir schon vorher gesagt haben. Paulus erinnert daran, dass er, wenn er Chri­stus einmal nach dem Fleisch gekannt habe, ihn jetzt nicht mehr nach dem Fleisch kenne.

29 Durch diese Stellen werden wir gezwungen zuzugeben, dass die Worte: Dies ist mein Leib nicht im natürlichen Sinn, sondern ebenso bildlich verstanden werden müssen wie jene: Das ist das Passah. Das Lamm nämlich, das jährlich gegessen wurde, zu­sammen mit der ganzen Feierlichkeit des Festes, war nicht selbst das Vorübergehen, sondern bezeichnete das Vorbeigehen und das einst geschehene Überspringen. Dazu kommt das Nachfolgeverhältnis, dass das Abendmahl auf die Feier des Passahlamms folgte. Dies lässt daran denken, dass Christus ähnliche Worte gebrauchte, denn ein Nachfolgeverhältnis schliesst eine Nachahmung ein. Dazu kommt die gleiche Anord­nung der Worte. Dazu kommt die Zeit, indem beim gleichen Mahl das alte Passah aufgegeben und die neue Danksagung eingesetzt wird. Es kommt die Eigentümlichkeit aller Gedächtnisfeiern hinzu, die sich den Namen dessen aneignen, woran sie erinnern und wessen sie gedenken. So sprachen die Athener vom Tag des Schuldenerlasses, nicht als ob die Schulden alljährlich erlassen worden wären, sondern sie feierten im­mer wieder, was Solon einst durchgeführt hatte, und diese Feier ehrten sie mit dem Namen der Sache selbst. So werden die Symbole des wahren Leibes Leib und Blut Christi genannt. Nun folgen die Beweise. Wie der Leib nicht durch etwas Geistiges genährt werden kann, so auch die Seele nicht durch etwas Körperliches. Wenn nun der natürliche Leib Christi gegessen wird, so frage ich: Nährt er den Leib oder die Seele? Den Leib nicht, also die Seele. Wenn aber die Seele, so ernährt sich die Seele von Fleisch, und es wäre nicht wahr, dass Geist nur aus Geist geboren wird.

30 Zweitens frage ich, was der natürlich gegessene Leib Christi bewirkt. Wenn er die Vergebung der Sünden bewirkt, wie eine Seite behauptet, dann haben die Jünger die Vergebung der Sünden im Abendmahl empfangen. Also ist Christus vergeblich ge­storben. Wenn das Gegessene die Kraft des Leidens Christi austeilt, wie die gleichen Leute behaupten, dann wurde die Kraft des Leidens und der Erlösung schon ausgeteilt, bevor sie entstand. Wenn er den Leib für die Auferstehung nährt, wie ein gewisser an­derer, ungelehrt genug, behauptet, heilt er vielmehr unseren Körper und befreit ihn von Krankheit. Irenäus will aber anders verstanden werden, wenn er sagt, unser Leib werde durch den Leib Christi zur Auferstehung gespeist. Er will nämlich zeigen, dass die Hoffnung auf unsere Auferstehung durch die Auferstehung Christi gestärkt wird. Schau, was für ein schönes Gleichnis!

31 Drittens: Wenn der natürliche Leib Christi den Jüngern im Abendmahl dargereicht worden ist, folgt mit Notwendigkeit, dass sie diesen so assen, wie er damals war. Da­mals war er aber leidensfähig. Sie assen also einen verwundbaren Leib, denn er war noch nicht verklärt. Wenn sie nämlich sagen: Sie assen denselben Leib, aber nicht wie er leidensfähig, sondern wie er nach der Auferstehung war, entgegnen wir: Entweder besass er also zwei Leiber, einen, der noch nicht verklärt war, und einen, der es war; oder ein und derselbe Leib war gleichzeitig leidensfähig und nicht leidensfähig. Und daher wollte er, als er den Tod so sehr von sich wies, natürlich nicht leiden, sondern jene Fähigkeit des Leibes benützen, die ihn gegen Schmerz unempfindlich machte. Folglich hat er nicht wirklich gelitten, sondern nur zum Schein, womit uns von jenen Blindekuhspielern auf schöne Weise Marcion zurückgebracht wird. Unzählige Bewei­se, o Kaiser, könnten angeführt werden, aber wir wollen uns mit den vorliegenden be­gnügen.

32 Dass aber die Alten, das wird der letzte Teil dieses Punktes sein, gleich denken wie wir, will ich durch die zwei bedeutendsten Zeugen belegen: Durch Ambrosius, der in seiner Auslegung des ersten Korintherbriefes zu den Worten: Verkündigt ihr den Tod des Herrn ... sagt: Weil wir ja durch den Tod des Herrn befreit sind, verweisen wir, indem wir uns daran erinnern, im Essen und Trinken auf das Fleisch und das Blut, welches für uns dahingegeben wurde ... Ambrosius spricht aber von Speise und Trank des Abendmahls und sagt, dass wir damit auf das wirklich für uns Geopferte hinwei­sen. Auch durch Augustin, der in seiner Johannesauslegung, Kapitel 30, sagt, der von den Toten auferstandene Leib Christi müsse an einem bestimmten Ort sein. Die ge­druckten Ausgaben haben dort können statt müssen, aber fälschlich, denn auch beim Sentenzenmeister und in den kanonischen Beschlüssen, wo dieser Satz des Augustin aufgenommen wurde, wird muss gelesen. Daraus sehen wir deutlich, dass die Alten alles, was sie an Grossartigem über das Abendmahl gesagt haben, nicht vom natürli­chen, sondern vom geistlichen Essen des Leibes Christi verstanden haben. Weil sie wussten, dass der Leib Christi sich an einem bestimmten Ort befinden muss und zur Rechten Gottes ist, haben sie ihn nicht herabgezogen, um ihn den stinkenden Zähnen der Menschen zum Essen vorzusetzen.

33 Gleichfalls lehrt Augustin in Kapitel 12 der Schrift gegen Adimantus, dass die drei Sätze: Das Blut ist die Seele, Das ist mein Leib, und Der Fels war Christus symbo­lisch, das heisst, wie er selbst sagt, bildlich und zeichenhaft gesagt seien. Und unter vielen anderen Worten gelangt er schliesslich dahin: Ich kann auch jenes Gebot so verstehen, dass es bildlich gemeint war. Denn der Herr zögerte nicht zu sagen: ‚Das ist mein Leib‘, als er den Jüngern das Zeichen seines Leibes gab. So Augustin. Wohl­an, das ist für uns der Schlüssel, mit welchem wir alle Aussagen der Alten über die Danksagung erschliessen können! Er sagt, dass das, was nur ein Zeichen des Leibes ist, Leib genannt wurde. Nun sollen die, welche uns als Häretiker verurteilen wollen, nur kommen. Nur sollen sie wissen, dass sie damit die Säule der Theologen verurtei­len, gegen die Erlasse der Päpste. Daraus geht nämlich ganz eindeutig hervor, dass die Alten immer symbolisch geredet haben, wenn sie dem Essen des Leibes Christi im Abendmahl soviel zuschrieben. Nämlich nicht als ob das sakramentale Essen die Seele reinigen könnte, sondern der Glaube an Gott durch Jesus Christus. Dieser ist das geist­liche Essen, dessen Symbol und Andeutung jenes äussere ist. Und wie das Brot den Leib unterhält, der Wein belebt und aufheitert, so stärkt der Glaube die Seele und macht sie der Barmherzigkeit Gottes gewiss, dass er uns nämlich seinen Sohn gegeben hat; so erneuert er das Gewissen, indem durch dessen Blut die Sünden, durch die die­ses hart bedrängt war, ausgelöscht sind. Mit diesen Beweisstellen wollen wir uns nun begnügen, obwohl man sämtliche Bücher durchsehen könnte, um darzulegen und zu beweisen, dass die Alten unserer Meinung sind. Auch das kürzlich erschienene Büch­lein über die Auffassung der Kirchenväter soll niemanden irremachen, obwohl es frei­lich verspricht, sie ausdrücklich zu verteidigen. Denn wir werden bald die Widerle­gungsschrift eines sehr gelehrten Mannes, unseres Bruders Oekolampad, sehen, dessen besondere Aufgabe von Anfang an darin bestand, die Meinung der Kirchenväter dar­zulegen. Was in dieser Sache aber an noch ausführlicherer Erklärung oder Widerle­gung der Gegner verlangt werden könnte, haben wir, die diese Meinung vertreten, in vielen an verschiedene Empfänger gerichteten Schriften meiner Meinung nach hinrei­chend dargelegt.

Neuntens

34 glaube ich, dass die kirchlichen Zeremonien, die weder dem Glauben noch dem Wort Gottes aufgrund von Aberglauben zuwider sind, obwohl ich nicht weiss, ob man sol­che findet‚ um der Liebe willen geduldet werden können, bis der Morgenstern heller und heller leuchtet. Aber ich glaube zugleich, dass unter der Leitung derselben Liebe, wenn es ohne grossen Anstoss geschehen kann, die erwähnten Zeremonien abzuschaf­fen sind, sosehr sich auch diejenigen, die ungläubigen Herzens sind, widersetzen soll­ten. Denn Christus hinderte Magdalena nicht an der Ausgiessung des Salböls, obwohl sich der Geiz und der Unglaube des Judas heftig dagegen sträubten. Die zur Verehrung aufgestellten Bilder dagegen zähle ich nicht zu diesen Zeremonien, sondern zu den Dingen, die dem Wort Gottes ganz und gar widersprechen. Diejenigen aber, die nicht der Verehrung dienen oder dort stehen, wo keine Gefahr besteht, dass sie einmal ver­ehrt werden könnten, verurteile ich keineswegs, so dass ich also die Malerei und Bild­hauerkunst als Gabe Gottes anerkenne.

Zehntens

35 glaube ich, dass das Amt der Prophetie oder der Verkündigung unantastbar, ja dass es von allen Ämtern das notwendigste ist. Halten wir uns an das, was die Regel ist, so se­hen wir, dass bei allen Völkern die äussere Verkündigung der Apostel und Evangeli­sten oder der Bischöfe dem Glauben voranging, dessen Annahme wir dennoch allein dem Wirken des Geistes zuschreiben. Denn wir sehen, welch ein Schmerz! viele ge­nug, die die äussere Predigt des Evangeliums zwar hören, aber nicht glauben, was notwendigerweise geschieht, wenn der Geist fehlt. Wo die Propheten oder Verkündi­ger des Wortes auch immer hingeschickt werden, ist es ein Zeichen der Gnade Gottes, dass er seinen Erwählten seine Erkenntnis offenbaren will, und für die, denen sie ver­weigert wird, ist es ein Zeichen des bevorstehenden Zornes. Das kann man aus den Propheten und dem Beispiel des Paulus schliessen, dem es manchmal verboten, der manchmal aber dazu gerufen wurde, zu bestimmten Menschen zu gehen. Aber auch die Gesetze und die Obrigkeit können durch keine wirksamere Hilfe beim Schutz des öffentlichen Rechts unterstützt werden als durch die Predigt. Es wird nämlich vergeb­lich vorgeschrieben, was gerecht sei, wenn die, denen es befohlen wird, keinen Begriff von dem haben, was Recht ist und die Gerechtigkeit nicht lieben. Dazu aber bereiten die Propheten gleichsam als Diener die Seelen vor, der Geist aber tut es gleichsam als Lehrmeister sowohl des Lehrers wie des Hörers. Diese Art von Dienern, die lehren, trösten, schrecken, heilen, gewissenhaft Fürsorge tragen, anerkennen wir im Volk Christi; auch jene, die taufen, beim Abendmahl den Leib und das Blut des Herrn herumtragen, so nennen nämlich auch wir im übertragenen Sinn das heilige Brot und den heiligen Wein im Abendmahl‚ die Kranken besuchen, die Armen aus dem Besitz und im Namen der Kirche speisen; und zuletzt die, welche die heiligen Schriften lesen, sie auslegen, lehren, um sich selbst oder andere dazu auszubilden, einmal den Kirchge­meinden vorzustehen. Aber die Art Diener, die aus Bischofsmützenträgern und Bi­schofsstabträgern besteht, die sehr zahlreich ist und dazu geboren, den Ertrag des Lan­des zu verschwenden, eine unnütze Erdenlast, ist unserer Ansicht nach illegitim und am Leib der Kirche dasselbe, was am menschlichen Leib Geschwüre und Buckel sind.

Elftens

36 weiss ich, dass die rechtmässig eingesetzte Obrigkeit Gottes Vertreterin ist, nicht we­niger als die Prophetie. Denn wie der Prophet der Diener der himmlischen Weisheit und Güte ist, so dass er, der getreulich lehrt, auch die Irrtümer ans Licht bringt, so ist die Obrigkeit Dienerin der Güte und Gerechtigkeit; der Güte, dass sie in Treue und Be­sonnenheit, nach Gottes Vorbild, die Anliegen ihrer Untertanen anhört und dafür Sor­ge trägt; der Gerechtigkeit, indem sie die Vermessenheit der Bösen zerbricht und die Unschuldigen beschützt. Wenn ein Fürst diese Gaben hat, so ist, wie ich glaube, für sein Gewissen nichts zu befürchten. Wenn sie ihm fehlen, mag er sich auch furchtbar und schrecklich zeigen, so wird sein Gewissen meiner Meinung nach in keiner Weise dadurch entlastet, dass er rechtmässig eingesetzt worden ist. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass ein Christ einem solchen Tyrannen gehorchen muss, bis zu der Gele­genheit, von welcher Paulus spricht: Wenn du freiwerden kannst, so ziehe das vor!. Eine Gelegenheit, von der ich allerdings glaube, dass sie von Gott allein gezeigt wird, nicht von einem Menschen, und das nicht auf verborgene Weise, sondern so deutlich, wie Saul verworfen wurde und er David als Nachfolger annahm. Auch über das Be­zahlen von Abgaben und Steuern für den obrigkeitlichen Schutz denke ich genauso wie Paulus im Römerbrief 13,7.

Zwölftens

37 glaube ich, dass die Erfindung des Fegefeuers ebenso sehr, wie sie ihren Erfindern Gewinn brachte, etwas ist, das die in Christus frei geschenkte Erlösung verachtet. Denn wenn es notwendig ist, mit Marter und Qualen zu tilgen, was wir durch unsere Vergehen verdient haben, wäre Christus vergeblich gestorben, und die Gnade würde entleert. Konnte im Christentum etwas Abscheulicheres ausgedacht werden als das? Was für einen Christus haben denn die, welche Christen genannt werden wollen und dieses Feuer fürchten, das nicht mehr Feuer, sondern blosser Rauch ist? Dass es eine Hölle gibt, wo die Ungläubigen, Verstockten und Verräter mit Ixion und Tantalus ewig bestraft werden, glaube ich nicht nur, sondern weiss ich. Wenn die Wahrheit vom Weitgericht redet, sagt sie, dass einige nach jenem Gericht ins ewige Feuer gehen werden. Es gibt also ein ewiges Feuer nach dem Weltgericht. Umso weniger können die Wiedertäufer ihre Auffassung vom olam, das heisst ewig, mit ihrem Irrtum bemän­teln, in welchem sie lehren, ewig dauere nicht über das allgemeine Gericht hinaus. Denn hier spricht Christus vom ewigen Feuer, das nach dem Gericht brennen wird und den Teufel zusammen mit seinen Engeln, den Ungläubigen, die Gott verachten, den Unmenschlichen, welche die Wahrheit durch Lüge unterdrücken und dem Nächsten in der Not nicht von Herzen und aus Glauben beistehen, quälen wird.

38 Wie ich am Anfang gesagt habe, glaube ich dies alles fest, lehre es und verteidige es, nicht mit meinen eigenen Worten, sondern mit den Aussagen des göttlichen Wortes, und verspreche, es nach Gottes Willen auch zukünftig zu tun, solange der Geist meine Glieder regiert. Es sei denn, dass jemand aufgrund der richtig verstandenen Aussagen der wahrhaft heiligen Schriften etwas anderes ebenso offen und einfach, wie wir es hier getan haben, darlegt und begründet. Es ist für uns nämlich nicht weniger ange­nehm und willkommen als billig und gerecht, unsere Ansicht der Heiligen Schrift und der Kirche zu unterwerfen, die aus dem Geist gemäss der Schrift urteilt. Wir hätten alles ausführlicher und weitläufiger darlegen können, aber weil dies nicht der günstige Zeitpunkt dazu war, gaben wir uns mit dem Vorliegenden zufrieden. Wir glauben, dass es so verfasst ist, dass zwar jeder leicht daran herumnörgeln kann, was heute sehr ver­breitet ist; aber niederreissen kann es keiner. Wenn es jemand dennoch versucht, wird er es nicht ungestraft tun. Dann wollen wir die uns verbleibenden Waffen uner­schrocken hervorziehen. Damit soll für den Augenblick genug bewiesen sein.




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